Alle Namen und persönlichen Daten sind verändert.
Silvio: 42-jähriger Lehrer
Thema: Schlafprobleme
Silvios Thema waren seine Nächte. Seit Jahren schlief er nicht mehr durch. Immer wieder erwachte er und konnte kaum mehr einschlafen. „Gute Nächte“, wie er sagte, waren Nächte, in denen er drei Stunden am Stück schlafen konnte. Morgens stand er mühsam auf und fühlte sich kraftlos und wie gerädert.
Da Silvio sich bis anhin schon sehr mit seinem Thema Schlafen auseinandergesetzt hatte, vermied ich am Anfang bewusst dieses Thema, sondern wollte mehr über sein Leben erfahren. Obwohl er von sich sagte, dass er (ausser den Schlafproblemen) ein gutes und zufriedenes Leben führte, kamen im Lauf unserer Gespräche immer mehr Themen zum Vorschein, wo Silvio nicht wirklich zufrieden war. Wenn er von seiner Freundin, mit der er zusammenlebte, sprach, störte ihn, dass sie oft passiv war, vor dem Fernseher festhing und für gemeinsame Ausgänge oder Sport kaum zu bewegen war. Silvio hatte keine Lust mehr darauf, dass alle Initiative für gemeinsame Unternehmungen von ihm ausgehen sollte.
Er genoss es, mit mir von Mann zu Mann offen über seine sexuellen Wünsche zu sprechen; über sein Problem, mit seiner Freundin „zu früh zu kommen“ und darüber, dass er sich von anderen Frauen mächtig angezogen fühlte. Ich machte ihm Mut, mit seiner Freundin offener und direkter zu sprechen.
Silvio erzählte von heftigen Träumen, in denen er Kind war und von seinem Vater gehänselt und geplagt wurde. Dagegen konnte er sich nicht wehren. In unseren Gesprächen über seine Beziehung zu seiner Familie wurde ihm bewusst, dass er über seinen Vater nur schlecht und abschätzig dachte und zu seiner Mutter eine viel zu enge Beziehung hatte. Zudem fühlte er sich für das Glück seiner Eltern verantwortlich und war oft bestrebt, während seinen Besuchen im Elternhaus zwischen Vater und Mutter zu vermitteln. Die Eltern noch ein Stück mehr loszulassen und dafür mehr Kraft und Bestimmtheit für sein eigenes Leben zu haben, wurde eine weitere neue Aufgabe für Silvio.
Über seinen Beruf als Lehrer sagte Silvio, dass er manchmal sehr zufrieden damit sei, und manchmal denke, dass das „doch nicht schon alles gewesen sein könne...“ Auf zwei grossen Zeichnung machte er eine Standortbestimmung: Er zeichnete seine früheren beruflichen Stationen, seine gegenwärtige Situation und rechts am Rand auch die Zukunft. Damit wurde nur soviel klar, dass in naher oder ferner Zukunft sein beruflicher Weg weiterführen wird; über das Wie und Was zu sprechen, fand er noch zu früh. Silvios Schlussfolgerung zum Thema Beruf war, dass er zwar geglaubt hatte, da bald etwas ändern zu müssen, aber jetzt sah, dass es „mehr um sein Leben als um den Beruf“ gehe.
Silvios stärkster Entwicklungsschritt war, seine unterdrückte Wut wahrzunehmen und rauszulassen. Das bewirkte in seinem Alltag, dass er sich mehr und mehr bewusst wurde, wie oft er „es allen recht machen“ wollte. Silvio begann in der Beziehung zu seiner Freundin, zu den Eltern und auch bei der Arbeit, schneller Nein zu sagen, wenn ihm etwas nicht passte. Er begann, sein Leben mehr selbst zu bestimmen, was ihn sichtlich zufriedener machte. Immer wieder erzählte er, dass er jetzt viel besser schlafen könne. Ganz gut sei es zwar noch nicht, aber er sei schon sehr zufrieden damit. Nach einem halben Jahr intensiver Arbeit entschloss sich Silvio, mit den Sitzungen bei mir aufzuhören. Wir verblieben so, dass er sich jederzeit wieder melden könne, auch nur für einzelne Stunden, wenn er das Bedürfnis danach habe.