Alle Namen und persönlichen Daten sind verändert.
Rosemarie: 39j. alleinerziehende Mutter und Sekretärin
Thema: Wenig Energie, Mutlosigkeit
Rosemarie ist 39-jährig, geschieden und seit Jahren allein erziehende Mutter ihres 7-jährigen Sohnes. Sie arbeitet ca. 70% als Sekretärin und bezieht noch etwas Geld vom Sozialamt.
Zu Beginn unserer Sitzungen ist sie physisch und psychisch erschöpft. Sie beschreibt ihren Alltag als einen einzigen ruhelosen Kampf von früh bis spät. Richtige Ferien hat sie schon lange keine mehr gehabt. Finanziell ist sie sehr knapp dran.
Bei ihrer Arbeit lässt sie sich zu oft ausnützen: Immer wieder wehrt sich Rosemarie zu wenig, wenn ihre Kolleginnen ihr kurz vor Arbeitsschluss Unerledigtes herüber schieben mit der Haltung: „Ja, ja, die Rosi macht das schon!“ Auch fühlt sie sich von ihren Kolleginnen ausgegrenzt, weil sie die einzige ist, die aufs Geld achten muss und einiges nicht mitmachen kann. Und auch weil sie die einzige ist, die bei Arbeitsschluss um 16 Uhr pünktlich gehen sollte, weil sie ihren Sohn vom Kinderhort abholen muss.
Das Sozialamt setzt sie unter Druck, bald eine billigere Wohnung zu finden; dabei hält sie ständig danach Ausschau, jedoch bisher ohne Erfolg. Im Wohnblock werden ihre Waschküchen-Termine ausradiert – auch hier muss sie sich wehren und klagt: „Ich muss so vieles schlucken!“
Rosemarie wuchs als einziges Mädchen mit vier Brüdern auf. Wenn sie etwas anderes als ihre Brüder wollte oder aufbegehrte, wurde sie oft vom Vater geschlagen und von ihrer Mutter nicht in Schutz genommen. Das hat ihr Selbstbewusstsein und ihre Wehrbereitschaft nicht gerade gefördert. Als Erwachsene stösst sie genau damit immer wieder an ihre Grenzen: Von überall her fühlt sie sich unter Druck und sollte sich besser wehren können.
Manchmal, wenn ihr alles zuviel wird und sie keine Kraft mehr hat, sehnt sie sich nach Ruhe, Harmonie, Geborgenheit, finanzieller Sicherheit..., weiss aber nicht, wie sie das erreichen kann, und sieht sich in einer ausweglosen Situation.
Ihre Ziele sind:
- mehr Kraft und Energie finden - sich besser wehren können - Freunde finden - Leichter und zufriedener leben
Im Lauf der Zeit kommt Rosemarie ihren Zielen näher, aber – wie leider üblich – sind die Fortschritte nicht linear. Immer wieder muss sie Rückschläge in Kauf nehmen, und oft kommt es ihr vor wie „drei Schritte vor und zwei zurück“. Rosemarie wehrt sich bei der Arbeit und im Wohnblock immer erfolgreicher, wenn sie bedrängt oder zu Unrecht beschuldigt wird. Einmal, als sie einige Wohnungsnachbarinnen im Treppenhaus über sie reden hört, nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen, tritt ins Treppenhaus, stellt die Nachbarinnen in aller Lautstärke zur Rede und riskiert einen offenen Streit (über das leidige Waschküchen-Thema). Stolz und voll Genugtuung erzählt sie davon: „Jetzt hab ich endlich mal was Gutes für mich getan.“ Rosemarie realisiert, dass zwei alte Kolleginnen gar nicht wirklich für sie da sind, wenn sie sie mal braucht, und dass sie in diesen Beziehungen mehr die Gebende ist. Sie sagt: „Solche Freundinnen habe ich nicht nötig!“ und verabschiedet sich innerlich von ihnen. Damit nimmt sie ein Stück mehr Einsamkeit in Kauf. Dafür wird Platz frei für bessere Freundschaften.
Nach langem und geduldigen Ausharren in der Liebesbeziehung zu einem Mann, der aber nicht wirklich frei ist, weil noch verheiratet, und der seine Versprechen mehrmals nicht hält, löst Rosemarie diese Verbindung auf. „Lieber kein Partner, als einer, der mich fertig macht“, lautet ihre neue Devise. Ihr wird auch bewusst, dass ihre Liebschaften immer nach dem gleichen Schema funktioniert haben: Sie opferte sich dem Mann gegenüber auf, nach dem Muster: „Ich muss etwas leisten, damit ich geliebt werde.“ Eine neue Einstellung könnte lauten: „Man liebt mich so, wie ich bin. Ich finde einen Partner, der gut ist für mich und mit dem ich das Leben geniessen kann“.
Rosemarie findet eine günstigere Wohnung in einer anderen Gemeinde. Dadurch verabschiedet sie sich vom Sozialamt, was ihr viel Druck wegnimmt. Die neue Wohnung ist in der Nähe ihrer Eltern; das bedeutet, dass ihr Sohn nicht mehr im Hort, sondern bei ihren Eltern zu Mittag essen kann. Das entlastet sie finanziell. Allerdings steht dadurch Rosemaries schwierige Beziehung zu den Eltern wieder mehr im Vordergrund. Sie schafft es aber, ihren Eltern erwachsener gegenüber zu treten und nicht aus Dankbarkeit oder schlechtem Gewissen wieder in die Rolle des wehrlosen Opfers zu fallen. Erkenntnisse aus dem systemischen Familienstellen unterstützen sie dabei. Dadurch lernt sie, mit ihren Eltern besser umzugehen. Die Eltern lernen – nicht immer erfreut – eine neue, stärkere Tochter kennen. Die Beziehungen verbessern sich.
Sie hat mehr Selbstsicherheit und mehr Lebensfreude, hat etwas „Luft zum Atmen“ bekommen. Sie beginnt sich zum ersten Mal seit Jahren zu fragen, ob nicht eine andere berufliche Tätigkeit ihr besser gefallen würde als die Sekretärinnen-Arbeit. Ich ermutige sie, da weiter zu denken und diese neuen Gedanken nicht vorschnell wieder aufzugeben, nur weil gerade keine Lösung in Sicht ist.
Rosemaries Weg geht weiter; das Schlimmste ist überstanden. Das Leben lockt!
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