Alle Namen und persönlichen Daten sind verändert.
Rolf: 26-jähriger Informatiker
Thema: Standortbestimmung und Neu-Orientierung
In der ersten Sitzung sagt Rolf, seine Spontaneität sei verloren gegangen. Sein Selbstvertrauen sei "nicht mehr so, wie es früher war". Und: "...Ich möchte wieder freier sein. Ich möchte wieder etwas in die Finger nehmen und Spass daran haben!"
Rolf hatte die letzten Jahre sehr viel gearbeitet und sehr viele Überstunden gemacht. In den letzten Monaten wurde er innerlich stumpfer und fühlte sich mehr und mehr ausgebrannt, bis er schliesslich seine Informatiker-Stelle kündigte. Er war überzeugt, dass er eine Pause brauchte, um sich neu zu besinnen und wieder zu Kräften zu kommen.
Seine momentane Situation möchte er am liebsten mit einer Zeichung ausdrücken: Er zeichnet einen "Kuchen voller Probleme". Dann möchte er mehr Klarheit in sein Leben bringen und fragt er sich: "Worum dreht sich überhaupt mein Leben?" In sechs Kästchen schreibt er seine wichtigsten Lebensbereiche:
Seine Familie
Beziehung zu seiner Freundin
Arbeit
Persönliche Interessen und Hobbys
Freunde
Wohnen
Nur schon mal diese sechs Lebensbereiche, um die es für ihn im Wesentlichen geht, aufgezeichnet zu haben, gibt ihm ein Stück mehr Klarheit. Rolf sagt, es tue ihm gut, hier einen Ort zu haben, wo er über sein Leben nachdenken könne.
Er kommt in sehr unregelmässigem Rhythmus zu mir: manchmal einmal pro Woche, dann alle zwei Wochen, dann macht er einen Monat Pause etc. Ich finde normalerweise ein regelmässiges Setting besser und effizienter. Rolf sagt, für ihn sei es so richtig. Ich muss das akzeptieren.
Über’s Ganze gesehen, steigt Rolf nicht in eine intensive Therapie ein, sondern lässt sich eher von mir während einzelnen Stunden begleiten, um über seine Situation nachzudenken. Dabei sind ihm meine Fragen und Einwände eine Bereicherung. In diesen Stunden sind vor allem die Bereiche „Arbeit“ und „Familie“ das Thema.
Zum Thema „Familie“:
Rolf wird bewusst, dass eine Beziehung zwischen ihm und seinem Vater fast fehlt; er fühlt sich seiner Mutter viel näher und war lange Zeit ihr einziger Ansprechpartner, wie er sagt. Er findet schon lange, dass seine Eltern sich trennen sollten, weil sie so oft Streit haben.
Meine Bemerkung, dass zwischen ihm und seinem Vater vermutlich eine Konkurrenzsituation bestehe, lässt ihn aufhorchen. Ich weise ihn darauf hin, dass es für einen Mann normalerweise wichtiger sei, zum Vater eine nahe Beziehung zu haben, als zur Mutter. Dies im Sinne Bert Hellingers (Systemisches Familienstellen): „Die Mädchen gehören mehr auf die Seite der Mutter, die Jungen mehr zum Vater.“
Ebenso finde ich es nicht so günstig für die persönliche Entwicklung eines jungen Menschen, wenn er sich zu sehr mit der Beziehung der Eltern beschäftigt. Zwischen den sich streitenden Eltern zu vermitteln (was Rolf jahrelang gemacht hat), ist eine Belastung und nimmt einem Menschen einen Teil seiner Kraft weg, die er eigentlich für sein eigenes Leben bräuchte.
Diese Aussagen bestätigen Rolfs vages Gefühl, das in die gleiche Richtung geht, das er aber noch nie so klar formulieren konnte. Er beschliesst zwei Wochen später, sich mehr von der Atmosphäre des Elternhauses abzugrenzen und „die Eltern ihren Käse selber machen zu lassen“, wie er es ausdrückt.
Zum Thema „Arbeit“:
Nach zwei Monaten selbst gewählter Arbeitslosigkeit, die ihm als Verschnaufpause sehr willkommen war, nimmt Rolf wieder eine Stelle in seinem Beruf als Informatiker an. Der einstige lange Arbeitsweg fällt weg, da der neue Betrieb an seinem Wohnort ist. Dadurch hat er mehr Gelegenheit, mit seiner Freundin zusammen zu sein, was beiden gut tut.
Rolfs innere Auseinandersetzung um das Thema Arbeit geht weiter. Die neue Stelle ist nicht wirklich eine neue Herausforderung. Es ist zwar finanziell beruhigend, wieder ein regelmässiges Einkommen zu haben. Aber Rolf fragt sich schon jetzt, wie lange es wohl gehe, bis es ihm dort langweilig wird. Was hat ihm an der letzten Stelle so gefallen, dass er dort sieben Jahre lang blieb und zufrieden war? Warum fühlte er sich plötzlich ausgebrannt? Was wäre sein beruflicher Traum? Wie könnte er dem ein Stück näher kommen? Ich bin gespannt auf das nächste Mal, wenn Rolf sich wieder zu einer Sitzung meldet.