Albert Pfister dipl. p.o. Psychologe
Praxis für Prozessorientierte Psychologie

Thunstrasse 113, 3006 Bern.      Tel.: 031 351 16 26

Alle Namen und persönlichen Daten sind verändert.


Marco: 28-jähriger arbeitsloser Mann

Thema: Drogen und Einsamkeit

 

 

Der 28-jährige Marco, arbeitslos und drogenabhängig, hat meine Adresse von seiner Beiständin, die seine Finanzen regelt und die mit ihm jede Woche ein kurzes Kontrollgespräch führt. Sie hat ihm mehrmals empfohlen, psychologische Hilfe anzunehmen.

 

Und da sitzt er nun, gross und sehr schlank, mit langen, gepflegten Haaren und in abgewetzten Kleidern, zum ersten Mal im Sessel in einem Therapiezimmer und fragt mich, wie das in einer Beratung so ablaufe. Ich erkläre ihm, dass er mit jedem beliebigen Thema kommen könne. Dass wir darüber sprechen werden, und dass ich meine Aufgabe darin sehe, ihn da auf seinem Weg zu unterstützen, wo er zum Erreichen seiner Ziele Unterstützung brauchen könne.

 

Marco macht einen leidenden Eindruck. Er sagt, er suche Arbeit, aber es sei für ihn sehr schwierig, eine passende Arbeit zu finden. Er hatte mal eine Lehre als Velomechaniker angefangen, die er aber nicht durchgehalten hatte. Seither war er an keiner Stelle länger als ein halbes Jahr geblieben, machte Gelegenheitsjobs und war immer wieder arbeitslos. Was ihn fasziniere, sei das Gebiet der Elektronik. Er könne sehr gut Apparate und Maschinen reparieren. Er würde sich am liebsten auf diesem Gebiet weiterbilden.

 

Marco konsumiert täglich verschiedene Drogen, zusätzlich zum Methadon, das ihm als Heroinersatz dient. Er lebt sehr einsam in einer kleinen Wohnung, hat mit 28 Jahren noch nie eine Freundin gehabt, worunter er sehr leidet, und fühlt sich als Versager auf der ganzen Linie. Er fühlt sich ganz am Rand der Gesellschaft und ist verzweifelt darüber. Der junge Mann wirkt entschlossen, endlich etwas an seinem Leben zu verändern. Er strahlt – anders als viele andere Drogenabhängige, die ich kennen gelernt habe – etwas Grundehrliches aus und scheint wirklich Hilfe und Unterstützung zu suchen.

 

Zu seinem Drogen-Konsum befragt, sagt mir Marco, das Methadon nehme er, weil es ihm sonst körperlich schlecht gehe. Er denke daran, den Metadon-Entzug zu machen, aber das brauche Mut. Und die „Joints“ und „Linien“, die er täglich konsumiere, brauche er, um seine Verzweiflung zu ertragen und die Zeit totzuschlagen.

 

Ich habe Marco nicht für seinen Drogenkonsum verurteilt, sondern ihm zu seinem Mut und seiner Entschlossenheit gratuliert, sein Leben ändern zu wollen. Aber ich habe ihm auch meine Bedenken gesagt, dass sein Vorhaben im Alleingang sehr schwer zu erreichen sei. Ich riet ihm, sich einen Therapieplatz in einer Drogentherapie-Station zu suchen, wo Ausstiegswillige nach dem körperlichen Entzug während 1 bis 2 Jahren unter fachkundiger Betreuung in einer Gruppe leben und arbeiten. Dabei werden sie viel enger begleitet, als dies in einer psychologischen Beratung möglich ist, setzen sich intensiv mit ihrer Sucht auseinander und üben soziales Leben und regelmässiges Arbeiten. Ich habe selbst 2 Jahre in einer solchen Station mitgearbeitet und kann das nur empfehlen.

 

Manchmal kam Marco so deprimiert und antriebslos zu mir, dass ich ihn zuerst „wecken“ musste, indem ich ihn über gute oder lustige Erlebnisse bei seinen Gelegenheitsjobs befragte. Gute Erlebnisse in Marcos Vergangenheit gab es nämlich haufenweise, und darüber zu sprechen, machte ihn wieder lebendiger und gesprächsfähiger. Manchmal kam er zu verladen, so dass ich ihn wieder heim schickte, er solle in zwei Tagen wieder kommen, und zwar nüchterner. Er hat sich dann immer an unsere Abmachungen gehalten.

 

Unsere Gespräche über Frauen, über die Berufswelt, über unsere Gesellschaft, über seine Eltern, über verschiedene Wege, aus seiner Sackgasse herauszukommen bewirkten, dass Marco mehr und mehr Vertrauen in mich als verlässlichen Gesprächspartner und Begleiter auf seinem Weg gewann. Mehrmals besorgte ich ihm Adressen oder stellte ihm mein Telefon zur Verfügung, damit er sich gleich im Anschluss an unsere Sitzung auf den Weg zu einer neuen Stelle oder einer Institution machen konnte.

 

Plötzlich hatte er sich zum Entschluss durchgerungen, den Methadon-Entzug zu machen und hörte auch mit jeglicher Konsumation von Haschisch und Kokain schlagartig auf. Es war mir bewusst, dass auf diese Weise die Erfolgschancen, dauerhaft von seiner Drogensucht wegzukommen, nicht allzu gross sein konnten. Trotzdem unterstützte ich ihn darin, denn in seiner eigenwilligen, „wilden Entschlossenheit“ steckte viel Power, die für sein Weiterkommen wertvoll war.

 

Einige Wochen später erzählte er mir, er könne bei einem Lastwagenkonvoi mit Hilfsgütern für den Kosovo mitmachen. Nach drei Wochen kam er hell begeistert von dieser Aktion wieder zurück. Marcos Lebensgeister wurden offenbar langsam wach. Weitere zwei Monate später hatte er zwar wieder begonnen, Drogen zu konsumieren (was mich nicht sehr erstaunte, denn an seinem äusseren Lebensstil hatte sich nichts Wesentliches verändert). Aber er hatte sich mit Erfolg in einem kantonalen Aufbauprogramm gemeldet, wo junge Leute mit psychischen Schwierigkeiten während eines halben Jahres eine Halbtagesstelle im Bereich Büro und Computer angeboten bekommen und dabei Ausdauer trainieren und Bürofähigkeiten lernen.

 

In diesem Arbeitsprogramm hat auch eine freundschaftliche Begegnung zwischen ihm und einer jungen Frau stattgefunden. Was daraus geworden ist, habe ich allerdings nie erfahren. Denn in dieser Zeit verlor ich den Kontakt zu Marco. Zwei Anrufe und ein Brief blieben unbeantwortet...

 

Dass Marco mit unseren Sitzungen doch einiges erreicht hat, sehe ich als Glücksfall an. Sein Teil-Erfolg ist seiner starken Motivation, etwas zu verändern, zuzuschreiben sowie unserem guten persönlichen Kontakt. Seine Begleitung durch mich war eigentlich eine ziemlich unmögliche Therapie, weil – ähnlich wie bei schweren Alkoholikern – eine bis zwei Gesprächsstunden pro Woche einem schwer Drogenabhängigen niemals genug Struktur und Halt bieten können.